Man kennt das ja. Ein Dopingsünder wird ertappt, es wird lamentiert, Unschuld beteuert, mit dem Finger auf ihn gezeigt, er als Einzeltäter hingestellt. Man hat einen Schuldigen, einen ganz üblen Bösewicht und ist dementsprechend entsetzt. Das ist die einfachste Lösung, weil er am Ende einer Kette steht, das System dahinter weiter funktionieren kann und sich am Ende nichts ändern muss.
Sind die Parallelen zur aktuellen Steuerhinterziehungsaffäre nicht verblüffend? Da werden mutmaßliche Steuersünder verteufelt, entsetzt wird gegen unmoralische Millionäre gehetzt und alle tun so, als wäre es völlig überraschend, dass es solche Menschen überhaupt gibt. Sofern die Beschaffung der Bankdaten einer gerichtlichen Prüfung standhält, wird nun auf den großen Reibach gehofft, damit sich der ganze Aufwand auch rechtfertigt. Von vier Milliarden Euro ist die Rede, vielleicht werden es auch nur 200 Millionen. Das hilft dem Staat enorm, der ja mit 1500 Milliarden Euro verschuldet ist, der dafür in diesem Jahr rund 42 Milliarden Euro Zinsen zahlen muss.
Nachdem man sich am Stammtisch genügend über die Gierhälse ausgelassen hat, macht man sich an die Steuererklärung und versucht nach Möglichkeit alle Schlupflöcher auszunutzen. Wenn das nicht reicht, kann man ja den einen oder anderen Kniff anwenden, den keiner nachvollziehen kann. Wie war das nochmal mit der Fahrgemeinschaft zur Arbeit? Ach nö, das ist man doch selbst gefahren. Wo war nochmal die Rechnung für den Handwerker? Da gab’s keine? Ach so, ja natürlich, waren nur ein paar hundert Euro, das geht schon mal ohne. Sind ja nur Peanuts im Vergleich zu den Millionenbeträgen anderer. Da darf man dann schon entrüstet sein und Strafen fordern wie für einen Totschläger. So wie ein Dopingsünder am Besten auch in den Knast sollte.
Politiker sind ja immer recht schnell, wenn es um solche Forderungen geht. Ich frage mich nur, wer hat die Steuergesetze gemacht, die so kompliziert sind, dass nicht mal mehr ein Steuerberater den totalen Durchblick hat? Die deshalb geradezu einladen, irgendwelche Schlupflöcher zu suchen und zu finden. Wieso gibt es kein Abkommen mit Liechtenstein, in dem die Übermittlung von Bankdaten geregelt ist? Wieso geben Politiker eigentlich nicht eine aussagekräftige Auskunft über ihre Nebeneinkünfte? Wäre es nicht Aufgabe der Politik, hier etwas zu ändern?
Bitte nicht falsch verstehen, ich finde es richtig, wenn sowohl Steuerhinterzieher zur Rechenschaft gezogen werden als auch Dopingsünder. Was ich unmöglich finde ist die Heuchelei, die von allen Seiten in diesem Zusammenhang gezeigt wird. So als ob jeder ein reines Gewissen hätte. „Wer von Euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ ist nur etwas für religiöse Romantiker. Für alle anderen gilt das nicht. Vor allem für Politiker ist es doch wunderbar, mal ein paar Wochen ein Thema in der Presse zu haben, bei dem sie nur punkten können. Sofern nicht auch Politikernamen in Liechtenstein ans Tageslicht kommen.
Mein Tipp in der Sache: den Ball flach halten und die Affäre emotionslos als das sehen, was sie ist – eine Steuerstrafsache. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich finde, das Ausnützen von legalen Steuersparmöglichkeiten ist nicht zu verwerfen.
Bei der anderen Geschichte geht es um Geld, was über komplizierte Kanäle ohne es zu versteuern nach Liechenstein geflossen sind.
Und wenn ein kleiner Arbeiter versucht ein paar Steuern einzusparen, weil er sonst nicht überleben kann, finde ich, DAS ist was anderes als Leute, die mit Millionen umgehen und den Hals nicht vollkriegen.
Der Zumwinkel war auch Gespräch zwischen zwei Autofahrern, die sich kurz hinter der deutschen Grenze an einer Tankstelle in Österreich getroffen haben, gerade den dritten Reservekanister voll gemacht haben, und meinten, dass man den Zumwinkel und alle andern Steuerflüchtlinge zum Teufel hauen soll.