Oh wie schön ist Berlin

1 10 2007

Um es gleich vorweg zu nehmen, mit Sub 3:30 hat es nicht geklappt. Aber das macht mir gar nichts aus. Zum einen, weil ich es ohnehin nur für einen absolut perfekten Tag erwartet hätte. Zum anderen war auch so der coolste Marathonlauf für mich bisher.
Ich will dem Leser den üblichen Vorlauf ersparen mit Aufstehen, Frühstück, Anfahrt usw. Das Bloggertreffen sei noch kurz erwähnt am Abend vorher. Die Manu konnte das Restaurant leider nicht erreichen, weil für das Skaterrennen die Innenstadt abgesperrt war. So fehlten ein paar starke Esser, da Hase, Charly und ihr Gastgeber sich vornehm zurückhielten. Die Pizzen waren nämlich Wagenradgroß und nachdem ich zusätzlich zu meiner noch die Hälfte der Pizza meiner Frau gegessen hatte, musste ich bei der von meinem Sohn passen. Carsten schaute noch kurz herein und wir wünschten uns viel Erfolg. Hoffentlich ist es ihm gut ergangen.
So war ich immerhin gut gestärkt für die kommende Aufgabe. Der Start war beeindruckend. Zunächst der erste Block, in dem Haile sich zu seinem Weltrekord aufmachte. Ein paar Minuten später überquerte ich die Startlinie und drückte die Starttaste meines Forerunners. Nur um kurz darauf festzustellen, dass die Anzeige eingefroren war. Also Reset und wieder einschalten, etwa eine halbe Minute, die ich nun zur angezeigten Zeit dazu rechnen müsste.
Vermutlich die anstrengende Anfahrt, Schlafmangel und die stressige Startunterlagenabholung mit einem Dreijährigen im strömenden Regen führten wohl dazu, dass ich zunächst schwere Beine hatte und mich eigentlich eher ins Bett wünschte als einen Marathon zu laufen. Trotzdem fand ich mein Tempo, ohne mich groß anstrengen zu müssen. Allerdings bewegte sich das bei rund 4:55 pro Kilometer. Mir war klar, dass es damit ziemlich unwahrscheinlich werden würde, die 3:30 zu knacken.
Am Tiergarten wollte erst mal die Blase ihr Recht, nachdem sie die lange Wartezeit im Startblock klaglos hingenommen hatte. Ich lief ohne Brille, was dazu führte, dass die Brennnesseln im Gebüsch die Durchblutung meiner Waden förderte. Merke: Immer Dixie benutzen, auch wenn es für Männer im Wald einfacher ist.
Zum Forerunner muss ich leider sagen, dass er nur eingeschränkt Wettkampftauglich ist. Die Gesamtstreckenlänge ermittelte er mit 42,6 km, die einzelnen Streckenabschnitte (5 km) stimmten nie mit der Beschilderung überein. Straßenbahnoberleitungen mag er nicht, Brücken sowieso. So ging ich relativ schnell dazu über, nur noch nach Gefühl zu laufen und das war gut so.
Bei km 20 jubelten mir Frau und Sohn zu, alles lief nach Plan. Halbmarathon in 1:44 und ich fühlte mich gut. An der Verpflegung bei km 25 ein Gel eingeworfen und es mit zwei Bechern Wasser ertränkt. Die folgenden Kilometer liefen wie am Schnürchen bis es mir ab etwa 30 km schlecht wurde und der Kreislauf etwas schwächelte. Gerade hier traf ich meine Fans wieder und meine Frau machte sich einmal mehr große Sorgen wegen meines leidenden Aussehens.
Aber bald darauf hatte ich mich wieder erholt. Natürlich schmerzten jetzt die Beine, aber hey, ich war schon bei 35 km. Was hatte ich hier schon für Dramen und Einbrüche erlebt. Diesmal nichts. Kurze Gehpausen bei den letzten beiden Verpflegungsstellen um ordentlich trinken zu können. Die Geschwindigkeit hatte sich auf etwa 5:10 reduziert, trotzdem würde es eine super Zeit werden. Unter den Linden, der letzte Kilometer. Kurzer Blick auf die Uhr – 3:30 Stunden plus die etwa 30 Sekunden vom Anfang – oh Gott, da muss eine Tempoverschärfung her, dann wird es noch eine Bestzeit. Den Sprint nur nicht zu früh anziehen, damit ich nicht kurz vor dem Ziel den sterbenden Schwan geben muss.
Dann sah ich endlich das Brandenburger Tor, 3:32 zeigte die Uhr. Zeit für einen brachialen Endspurt. Ich mobilisierte sämtliche Reserven, um im Ziel eine Zeit von 3:34:37 angezeigt zu bekommen. Völlig am Ende, mit Beinen, die kurz vor der Explosion standen, wusste ich nun nicht, ob es Bestzeit war oder nicht. War mir in dem Moment allerdings auch eher egal. Es war der kurzweiligste Marathon in meiner Karriere, der Hammermann hatte mich zum ersten Mal nicht getroffen und nach der durchwachsenen Vorbereitung war das alles nicht unbedingt zu erwarten gewesen.
Nach etwas Erholung auf der Wiese vor dem Reichstag quälte ich mich zum Hauptbahnhof und fuhr in mein Quartier zurück. Dort erhielt ich die Nachricht, dass meine Nettozeit 3:35:11 sei. Hm, ist das jetzt Bestzeit oder nicht? Dazu muss ich erst in meine Unterlagen schauen, die zuhause liegen. Wenn ich sie verbessert habe, dann nur um ein paar Sekunden. Aber immerhin bin ich seitdem 11 Jahre älter und deswegen ist das Ergebnis sicher höher zu bewerten.
Fazit: Es war ein hervorragend organisierter Wettkampf, der wegen der Menschenmassen vielleicht nicht jedermanns Sache ist, den man aber wenigstens einmal gelaufen sein sollte. Mit meiner Leistung bin ich mehr als zufrieden und nicht zuletzt habe ich den rennenden Hasen und den Charly persönlich kennengelernt, was mich sehr gefreut hat.
Jetzt, am nächsten Tag, habe ich noch nicht mal Muskelkater. Auch keine schmerzende Achillessehne oder Blasen an den Füßen. Wann war nochmal der nächste Marathon?

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Kerstin / Website (1.10.07 13:49)
Herzlichen Glueckwunsch zum gelungenen Marathon!
Muss ein irres Gefuehl sein, im gleichen Rennen zu laufen in dem ein neuer Weltrekord aufgestellt wird.
Und die grossen Mengen Pizza sind zusammen mit dem Gel sicher dafuer verantwortlich, dass du nicht eingebrochen bist.
Ich sag’s ja immer: Ordentlich essen und dann wird das was!
Ein sehr schoener Bericht.

(1.10.07 19:49)
Mir hat der Bericht auch gut gefallen! Finde ich schön, wenn die Familie so miteinbezogen wird und alle an einem Strang ziehen. Herzlichen Glückwunsch auch zu der gelaufenen Zeit, egal ob PB oder nicht. Trotzdem, hast denn nun geschaut in den Unterlagen?
Gruß, Michi

Charly / Website (1.10.07 21:57)
Super Uli. Das lief ja richtig gut. Glückwunsch zur Bestzeit. Das ist ja stark ohne Krämpfe,ohne Hammermann, einfach grinsend zur Bestzeit. Super.
War schön euch kennen zu lernen. Schade dass es mit dem Treffen nicht geklappt hat am Sonntag

Uli (1.10.07 22:14)
Grinsend ist ziemlich übertrieben, war eher so
Bei Euch ist es recht gut gegangen, schließe ich zumindest aus den gleichmäßigen Zeiten. Bin schon gespannt auf Eure Berichte. Respekt vor allem vor Kerstin – 3 Marathons in einem Jahr als „Anfängerin“, nicht schlecht.
Gute Erholung nochmals von dieser Stelle.

Hase / Website (2.10.07 08:54)
Ach Uli, das klingt so schön. Ich finde das so super. Und ich kann es so nachvollziehen – genauso habe ich mich nach meinem zweiten Marathon auch gefühlt, dieses „Wann ist der nächste“-Gefühl
Leider ist es bei mir diesmal eher ein „Das war dann wohl mein letzter“-Gefühl
Herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Leistung!
Ich freue mich ehrlich für dich, und es war so nett, euch zu treffen.

Manu / Website (2.10.07 11:11)
Hallo Uli,

so bedauerlich ich es finde, dass sich die ganze Stadt gegen unser Treffen verschworen hatte, so sehr freue ich mich über Dein tolles Ergebnis!
Das ist doch ein echter Kracher, 3:35 trotz suboptimaler Vorbereitung deuten darauf hin, dass der Traum sub 3:30 noch längst nicht ausgeträumt ist. Außerdem hast Du Deine Form über die Jahre bestens konserviert, da sieht man mal, wie man dem Zahn der Zeit ein Schnippchen schlagen kann.
Ach, aber ich war wirklich so traurig, nun auch Deinen Zwockel und deine Frau nicht kennenzulernen – andererseits war es vielleicht auch besser so, sonst hätten wir Euch noch die Pest, die wir hatten, weitergereicht. Hatte also alles möglicherweise einen tieferen Sinn, und aufgehoben heißt hoffentlich nur aufgeschoben!!! Auf das nächste Treffen,
liebe Grüße an alle und nochmal Glückwunsch und Applaus an Dich!!!

Reiner / Website (2.10.07 18:31)
Gratulation zu einem klasse Rennen!


Lars / Website (2.10.07 23:22)
Hi Uli,

Gratulation zu dem prima Ergebnis, ist doch wirklich super gelaufen. Und Du hast Recht, der Marathon in Berlin ist einfach nur cool. Vielleicht nächstes Jahr sogar wieder. Fehlt nur noch ein Lauf im Frühjahr… aber die Planungen laufen schon

Schöne Grüße
Lars

 


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