Ironman Europe in Roth (mein erster)

27 06 1999

Diesen Bericht habe ich verfasst, als man Blogs noch nicht kannte. Ist somit hier die exclusive Erstausgabe ;-)

Freitag, 25. Juni 1999

Zur Nudelparty hatte ich mich mit meinen Quartiergebern und Mit-Athleten um 18.00 Uhr vor dem Festzelt verabredet. Nach einer etwas mühevollen Parkplatzsuche treffe ich dort etwas zu früh ein. Deshalb mache ich zuerst einmal einen Rundgang auf der Triathlonmesse und erstehe bei der Gelegenheit gleich eine Trinkflasche für den Lenkervorbau, so eine mit Trinkhalm. Gerade als Verena und Pit um die Ecke biegen, komme ich wieder zum Festzelt. Ein perfektes Timing, wie es das ganze Wochenende über der Fall sein sollte.
Nach kurzem Hallo gehts zur Nudelparty, auf der die Veranstalter, nach Kritik aus dem Vorjahr, viele feine Sachen auftischen. Drei Sorten Nudeln mit verschiedenen Soßen, dazu Salate, Kuchen. Joghurt und zum trinken Cola, Bier, Wasser, Milch und Buttermilch.
Nach einer Stunde kann ich mich fast nicht mehr bewegen und begebe mich mit Verena, der es ähnlich geht, auf die Messe. Doch leider schließen die Stände und wir werden auf morgen vertröstet.
Zurück im Festzelt stellen wir fest, dass die “Goaßlschnalzer” dermaßen laut schnalzen, so dass wir beschließen, den Abend in Roth zu beenden und zu Verena und Pit nach Hause zu fahren. Die beiden fahren mit dem Fahrrad und ich mit dem Auto. Zuhause wird noch etwas geratscht und Pit genehmigt sich noch ein Bierchen. Kerstin ruft noch an und gibt durch, wann sie morgen zu kommen gedenkt.

Samstag, 26. Juni 1999

Endlich einmal wieder ausschlafen. Anschließend gibt es ein ausgedehntes Frühstück auf der Terrasse. Pit war wieder mal einkaufen, dementsprechend ist das keine Angelegenheit für die Weight Watchers. Gegen Mittag fangen Pit und ich an, die Fahrräder herzurichten. Ich habe so meine Schwierigkeiten, die neue Trinkflasche halbwegs stabil am Lenker zu befestigen, zumal keine Gebrauchsanleitung dabei ist. Auch Charles, ein Vereinskollege von Pit, der mal kurz vorbeischaut, hat keine Ahnung. Aber mit viel Klebeband hält sie dann doch, wie auch der Reserveschlauch, den ich bombensicher unter dem Sattel befestige. Hoffentlich bringe ich den auch wieder raus, wenn ich ihn benötige. Zuletzt noch die Startnummer mit den von Pit spendierten extra langen Kabelbindern am Rahmen befestigt und fertig ist das Rad.
Weiter geht es mit den Beuteln. Was gehört wohin? Die Frage die bei jedem Triathlon wieder auftaucht und die jedes Mal wieder enormes Gehirnschmalz erfordert. Mich wundert, dass die meisten Athleten eigentlich immer alles im richtigen Beutel haben.
Es gibt also einen mit einem roten, einen mit einem blauen und einen mit einem grünen Schild. Aber wenn man das ganze systematisch und konzentriert durchgeht, kann normalerweise nicht viel schief gehen. Die Fußballer haben für so was einen Zeugwart, keine schlechte Idee vielleicht.

Die Radabgabe am Nachmittag klappt ohne längeres Anstehen – im Gegensatz zum letzten Jahr, wie mir Verena bestätigt. Es gibt noch ein bisschen Small Talk mit Leuten von Verenas Verein und eine anschließende Besichtigung der Wechselzone und des Schwimmstarts. Pit erklärt mir, dass man “bis zu der Brücke dahinten und dann noch ein Stück weiter” schwimmen müsse.
Danach geht’s noch zur Wettkampfbesprechung nach Roth ins Festzelt, wo ich endlich mein holdes Weib in die Arme schließen kann. Die Besprechung läuft ab wie immer, viel Neues berichten die Verantwortlichen auch nicht. Kerstin und ich bummeln noch mal über die Messe. Dabei werde ich Zeuge eines professionellen Einkaufsgesprächs. Kerstin versucht den Verkäufer einer Inlineskating-Tasche davon zu überzeugen, dass ein paar Mark Nachlass nicht schlecht wären. Der gute Mann bleibt aber standhaft und so muss sie zähneknirschend den ganzen Betrag zahlen.
Ich dagegen muss dauernd zum pinkeln, weil ich den ganzen Tag über schon soviel getrunken habe. Noch bevor die Wettkampfbesprechung ganz zu Ende ist fahren wir alle wieder zu Pit und Verena, wo wir den Abend bereits gegen 22.00 Uhr beschließen.

Sonntag, 27. Juni 1999

Der Wecker piepst um 3.45 Uhr. Ich habe gut geschlafen, bin aber relativ schnell hellwach. Kerstin dagegen mault noch eine Weile. Das Frühstück verläuft ziemlich einsilbig, nur meine Liebste ist jetzt ganz besonders gut gelaunt. Ich esse drei Semmeln mit Marmelade und trinke Tee dazu.
Auf dem Weg zum Schwimmstart holen wir noch den Jochen (Vereinskollege von Verena und Pit) ab. Der ist sogar schon fertig – was üblicherweise angeblich nicht der Fall ist – und kommt uns kauend und mit einem Wurstbrot in der Hand entgegen.
Als wir am Startgelände eintreffen ist schon sehr viel los, obwohl wir noch früh dran sind. Verena ist als Frau ja in der ersten Startgruppe um 6.10 Uhr.
Die letzten Vorbereitungen sind schnell erledigt. Schutzfolien vom Fahrrad entfernen, Trinkflaschen anbringen bzw. auffüllen, Schuhe und Brille deponieren. Dann den Wechselbeutel ein letztes Mal überprüfen.
Ich wünsche Verena viel Glück und begebe mich zu Kerstin, die am Ufer des Kanals steht, um von dort den Start zu beobachten.
Der Sprecher zählt die Minuten bis zum Start. Um sechs Uhr wird das Glockenläuten der Kirche von Roth übertragen und es gibt noch eine kurze Andacht. Dann sind es noch Sekunden bis zum Start, die der Sprecher rückwärts zählt. Alles wird still. Noch zehn Sekunden, noch 5, 4, 3, 2, 1 – der Böllerschuss – alle Frauen, die Profis und die Senioren kraulen los. Der Stille folgt ein Johlen, Pfeifen und Klatschen. Als die erste Startgruppe weg ist, zieht wieder der normale Geräuschpegel ein und alle machen mit ihren Vorbereitungen weiter.
Mein Bruder und Verenas Mutter treffen ein und wir unterhalten uns ein wenig. Er fragt, wie ich mich fühle. Ich stelle fest, dass ich überhaupt nicht nervös bin, aber sehr konzentriert und in mich gekehrt. Irgendwie hat mich die ganze Atmosphäre als Zuschauer viel mehr berührt.
Etwa gegen 6.30 Uhr ziehe ich meinen Neoprenanzug an, nachdem mich Kerstin vorher gründlich mit Sonnencreme eingecremt hat. Dann eine emotionslose Verabschiedung mit Küsschen und guten Wünschen und was so dazugehört.
In der Wechselzone fällt mir ein: “Mist, die Brustwarzen!” Ich frage einen anderen Teilnehmer, der einen großen Rucksack bei sich hat, ob er Heftpflaster dabei habe. Hat er und ich kann meine Brustwarzen abkleben.
Anschließend stoße ich zur Rednitzhembacher Gruppe. Alle fünf Minuten verabschieden sich ein paar Leute unter den Aufmunterungen der anderen – so stelle ich mir das Szenario bei einer Hinrichtung vor.
Der Jochen leiht mir noch etwas Vaseline, mit der ich mir den Nacken und die Achseln eincreme. Anschließend schließt er mir den Reisverschluss des Neoprenanzugs und ich den seinen. Ich habe noch drei Minuten bis zum Start, als ich ins Wasser gehe noch zwei. Oh Gott, ich muss ja noch etwa 100 Meter bis zur Startlinie schwimmen, das wird ja richtig hektisch. Normalerweise brauche 1:50 Minuten für 100 Meter, na ja, wenigstens bin ich dann schon eingeschwommen. An der Startlinie angelangt höre ich den Sprecher gerade sagen “… noch 10 Sekunden bis zum Start …”. Es geht nichts über perfektes Timing.

Schwimmen

Startschuss. Es geht gut los, kein Gedränge wie bei Kurztriathlons. Es wird auch nicht so aggressiv geschwommen. Ich sehe die Leute am Ufer mitlaufen und -radeln und denke mir dabei, ob ich wohl jemanden kennen würde.
Nach vielleicht 800 Metern komme ich den Sog eines Schwimmers in meinem Tempo. Er hat einen tierischen Beinschlag, was die Sache noch mehr erleichtert. Durch die vielen Luftblasen muss ich fast nie nach vorn schauen, um die Richtung zu bestimmen. Ihm kann ich bis zur Wende folgen, wo ich ihn dann leider verliere. Die Brücke ist relativ bald erreicht, das Stück dahinter ist aber doch um einiges länger, als ich nach Pits Beschreibung vermutet hatte. Trotzdem sind die 1900 Meter sehr schnell vergangen und ich bin immer noch sehr locker. Der Versuch, die Zwischenzeit zu nehmen scheitert allerdings an der allgemeinen Wende-Hektik.
Schon vor der Wende haben mich die ersten der Startgruppe hinter mir (mit blauen Mützen) überholt. Ich staune, was die für ein Tempo vorlegen und ins Wasser hauen. Dafür habe ich schon jede Menge Gelbmützen überholt. Auf der zweiten Hälfte ist nun alles bunt gemischt.
Meine Versuche, wieder im Sog zu schwimmen, scheitern meistens nach kurzer Zeit wieder. Ich habe das Gefühl, wieder mal ziemliche Schlangenlinien zu schwimmen. Bei einem ruckartigen Beinschlag bei vielleicht 2500 Metern fängt die rechte Wade an zu krampfen. Na prima, das geht ja schon früh los, denke ich mir. Aber zum Glück geht es mit ein bisschen ausschütteln wieder. Ich schiebe das alles auf das für mich ungewohnt kalte Wasser (“nur” 21° C). Vielleicht sollte ich doch öfter mal das Buchloer 28°-Hallenbad verlassen und ein kühleres suchen.
Ein paar mal noch passiert das gleiche, aber jedesmal bekomme ich es wieder hin. Ich konzentriere mich nun auf einen gleichmäßigen Beinschlag. Und auf den Ausflugdampfer, der kurz vor dem Schwimmziel für die VIPs vor Anker liegt. Als ich den erreicht habe, denke ich mir: “Aha, da vorn ist der Kran mit der Kamera über der Startleine.” Von da weg sind es noch etwa 200 Meter bis zum Ausstieg. Die ziehen sich aber, weil die Schwimmbrille mittlerweile höllisch auf die Augenhöhle drückt. Aber das habe ich ja geübt und ich weiß, das ist vorbei, sobald die Brille herunter ist.
Zum Schluss werde ich noch etwas Größenwahnsinnig und versuche einer Blaumütze zu folgen. Aber ab dem letzten Knick, bei dem die Schwimmstrecke vom rechten ans linke Ufer wechselt, konzentriere ich mich nur noch auf das Anpeilen des Ausstiegs.
Dieser funktioniert auf den Betonstufen problemlos. Ich benötige nicht einmal die Hilfe der Helfer. Endlich die Schwimmbrille runterreißen, Reißverschluss auf und tief Luft holen. Das alles in gemächlichem Laufschritt. Im Vorbeigehen den Beutel greifen. Ich höre meinen Vater meinen Namen brüllen (!). Das Umkleidezelt ist überfüllt. Erst ganz hinten gibt es freie Bänke. Das Ausziehen des Neoprens klappt wie am Schnürchen. Weil mir ein bisschen kalt und der Himmel bedeckt ist, entschließe ich mich kurzfristig, das Radtrikot überzuziehen, was sich später als sehr weiser Entschluss herausstellen sollte. Schnell noch die Powerbars in der Trikottasche verstaut, das Wurstbrot stopft eine Helferin hinterher. Als ich den Neopren in die Tasche stopfen will (was vorher mehrmals eindringlich angemahnt wurde), nimmt sie ihn mir ab und sagt (auf fränkisch): “Des mach’ i schon.”

Radfahren

Der Weg zum Rad ist leicht zu merken. Erste Reihe ganz durch, rechts abbiegen und in der Reihe durchlaufen und schon lacht mir mein grüner Blitz zu. Ohne Brille ist das nicht immer so einfach.
Das Anziehen der Socken gestaltet sich etwas schwieriger. Ich setze mich dazu lieber auf den Boden, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, auf das nach dem Schwimmen noch nicht 100-prozentig Verlass ist. Ich bin ja mal gespannt, ob ich meine Sonnenbrille brauche.
Dann Fahrrad aus der Wechselzone schieben, diesmal schon in einem etwas zügigerem Laufschritt. Rauf aufs Rad, Zwischenzeit gestoppt – 1:15 Stunden – auf die Minute genau das, was ich mir als “normal” vorgestellt hatte. Nach sieben Stunden wollte ich auf der Laufstrecke sein – na dann mal los.
Nach 200 Metern stehen Kerstin und meine Eltern und brüllen sich die Seele aus dem Leib, ein bisschen weiter kommt dann mein Bruder und ruft mir zu, dass ich super sei oder so ähnlich. Viel mehr bekomme ich nicht mit.
Die ersten Radkilometer kenne ich vom Rothsee-Triathlon. Es geht zunächst bergab, was psychologisch und auch sonst ganz gut ist zum einrollen. So habe ich schon von Beginn an einen 35er Schnitt auf dem Tacho.
Ich überhole einen, der das gleiche Fahrrad fährt wie ich. “Ein schönes Fahrrad!” sage ich.
Er antwortet: “Bist Du zufrieden mit Deinem?”
“Ja, bis jetzt schon.” ist meine Antwort.
Ein kurzes Lächeln und schon bin ich weiter – für’s erste.
Nun geht es erst mal bergauf bis Alfershausen. Aber ich weiß ja, was auf mich zukommt. Immer schön locker treten – nur nicht so wie sonst immer. “Ulrich, du musst 180 km fahren!” ermahne ich mich immer wieder. Es rollt gut und ich trinke fleißig. Ab Alfershausen gehts bis Greding wieder überwiegend bergab, hat der Pit gesagt. Schau’mer mal.
Jedenfalls vergeht die Zeit wie im Flug (sowas ähnliches mache ich ja gerade auch). Nach 40 Kilometern denke ich mir, dass bei einem Kurztriathlon das Radeln schon wieder vorbei wäre. Da bin ich meistens schon ganz schön k.o. Heute bin ich fast genauso schnell unterwegs und noch total frisch, wie gibt’s das?
Am Gredinger Berg erregt meine Startnummer (1111) Aufsehen. Der Sprecher wünscht mir für’s Ziel einen Schnaps, wovor es mir aber eher grausen würde. Ich lache aber und winke dem Publikum zu.
Das Wetter wird schlechter und das Terrain ist nach dem Gredinger Berg wellig. Vor Obermässing beginnt es dummerweise zu regnen, so dass die schöne Abfahrt mit den drei Kehren mit Vorsicht zu genießen ist. An der zweiten Kehre sind scheinbar gerade zwei Kollegen gestürzt. Den einen höre ich noch fluchen: “…rutscht der Depp doch in mich hinein!”. aber es sieht alles harmlos aus, daraum sehe ich auch keinen Grund anzuhalten.
Ich lasse lieber die Beine hängen, erhole mich und schaue zu, wie der Schnitt wieder nach oben geht. 33,5 km/h – das ist Spitze.
In der letzten Kehre überhole ich eine Frau, die fast im Schritttempo um die Kurve fährt.
Das Stück bis Tiefenbach geht irgendwie vorbei, auch das wovor mich Verena gewarnt hat. Wo man die Verpflegungsstelle schon von Weitem sieht. Es geht aber stetig leicht bergauf und mit Gegenwind – alles angeblich sehr zermürbend. Mal sehen, wie es in der zweiten Runde aussieht.
Ab Tiefenbach kenne ich die Strecke wieder und es hat auch aufgehört zu regnen. Ich weiß, es geht gleich mit 10% Gefälle runter und gleich anschließend wieder hinauf. Also gebe ich in der Kurve vor dem Gefälle Gas und bergab fahre ich dann mit der Tageshöchstgeschwindigkeit von 70 km/h. An der Steigung muss ich dafür dann nicht mal auf das kleine Blatt schalten.
In Unterrödel bereite ich mich dann schon mal seelisch auf den Solarer Berg vor. Die Stimmung am Berg vor Hilpoltstein ist aber auch nicht schlecht. Bis zur Ortsmitte lasse ich es laufen (es geht bergab), trinke noch ein bisschen und putze mir die Nase, damit ich ordentlich aussehe vor den vielen Leuten.
Am Fuß des Solarer Bergs steht mein Anhang und ist restlos begeistert. Wie die anderen 10000 auch. Ich fahre trotzdem locker im kleinsten Gang hoch, um ja keine Kräfte zu verschwenden. Oben gibt es erst mal was zu trinken. In Mörlach gehts scharf nach links und der Wind kommt auf einmal relativ stark von vorn. Nach dem Höhepunkt kommt auf einen Schlag der Einbruch, es läuft nicht mehr und ich weiß nicht woran es liegt.
Durch Hilpoltstein geht es durch ein Wohngebiet mit vielen Kurven, was mich ziemlich nervt. Ebenso die Sonne, die jetzt herunter brennt. An der scharfen Rechtskurve vor Buchstallers Radgeschäft sehe ich meine Mutter mit dem Foroapparat im Anschlag stehen. Ich versuche ein freundliches Gesicht zu machen und dem Kollegen, der vor mir fährt und die Sicht versperrt, aus dem Weg zu gehen. Die Kurve erfordert volle Konzentration und so bleibt für den Anhang nur ein kurzes Winken übrig.
Bis zur Brücke am Schwimmstart gehts nochmal leicht bergauf und danach wieder eine ganze Weile bergab, da kann ich mich erholen, rede ich mir gut zu. Außerdem, Ulrich, denke ich mir, die erste Runde bist Du mit einem Schnitt von 33,5 km/h gefahren. 2:32 Stunden mal zwei plus 15 Minuten für den Stich nach Roth machen zusammen eine Radzeit von 5:20. Das wäre eine Sensation!
Aber an den Steigungen bis Alfershausen wird es mir zunehmend speiübel. Ich beschließe auf die Ernährungsberatung zu pfeifen und keine der angebotenen Mineraldrinks mehr zu mir zu nehmen. Dafür gibt es Häppchenweise mein Wurstbrot. Das klebt zwar wie Pattex am Gaumen, aber mit viel Wasser gibt es doch moralisch etwas Auftrieb.
Es drückt auch ein bisschen auf der Blase und das nehme ich zum Anlass, irgendwo nach Thalmässing eine Pinkelpause einzulegen. Im Rückblick war das der Zeitpunkt, an dem ich mich von meinem Einbruch wieder gefangen hatte.
In Thalmässing ist die Stimmung auch in der zweiten Runde sehr gut. Ich werde wieder namentlich erwähnt, alle feuern mich an. Trotz der hohen Geschwindigkeit schaffe ich es, einmal kurz zu winken.
Die Berge radle ich inzwischen alle im kleinsten Gang hoch, ohne jeglichen Ehrgeiz., Hauptsache ankommen. Der Tiefpunkt ist am Kalvarienberg in Greding erreicht. Ich merke zwar, dass es wieder besser geht. Der Schnitt ist aber auf 31,1 km/h gesunken. Aber oben angekommen läuft es wieder. Vielleicht weil ich weiß, dass das Schlimmste hinter mir liegt.
Der Kollege aus der ersten Runde überholt mich, und auf seine Frage, ob ich mit meinem Fahrrad immer noch zufrieden sei, antworte ich, dass es nichtmehr ganz so gut rolle.
Bald darauf werde ich Zeuge eines heftigen Disputes zwischen einem Kampfrichter und einem französisch sprechenden Athleten. Dieser beteuert seine (meiner Meinung nach tatsächliche) Unschuld bezüglich Windschattenfahrens. Letztendlich darf er aber weiterfahren.
An einer Steigung überhole ich wieder ein Cube Aerolite, kurz darauf gleich noch eins. Auf meine Bemerkung, dass wir jetzt eine Mannschaft aufmachen könnten, reagiert der andere aber fast nicht, wohl schon völlig im Unterzucker.
In Tiefenbach wieder das gleiche Spiel, runter, rauf, nur nicht mehr ganz so zackig. Am Ortseingang von Unterrödel steht ganz überraschend die ganze Belegschaft. Ich freue mich sehr und gröle ihnen irgendetwas zu, dann sind sie auch schon wieder vorbei. Das nächste Mal werden wir uns wohl erst beim Laufen sehen.
Die Moral steigt wieder, weil der Radsplit im Grund gelaufen ist. Vor Hilpoltstein und am Solarer Berg haben sich die Reihen der Zuschauer gelichtet. Die Schleife nach Mörlach radle ich recht lustlos noch herunter. Beim Buchstaller bin ich mit den Gedanken schon beim Laufen. Der Tacho zeigt einen Schnitt von 31,5 km/h. Damit bin ich sehr zufrieden.
Das letzte Stück bis Roth lasse ich noch locker rollen. Und weil die Gesamtstrecke auf meinem Tacho nur 177 km beträgt, schaffe ich es sogar, schon nach 6:55 Stunden auf der Laufstrecke zu sein. Der Wechsel dauert nicht lange, weil ich die Socken ja schon anhabe und ich somit nur noch das Trikot aus- und die Laufschuhe anziehen muss. Den Trinkgürtel ziehe ich mir schon im Laufen an.

Laufen

An der ersten Verpflegungsstelle gibt es erst mal Reiskuchen mit Wasser und Cola. Anschließend, noch mitten in Roth unter allen Leuten, die Pinkelpause, die ich mir schon seit einer Stunde verdrücke. Die einzige, die wirklich körperlich nötig war.
Dann geht es mit dem Lauf so richtig los. Und alles ist anders, als ich es mir vorgestellt habe. Meine Beine schmerzen nicht, der Puls liegt so ungefähr bei 140, alles läuft so locker, dass ich es gar nicht glauben kann. Von den Kurztriathlons bin ich es gewöhnt, dass der Lauf immer sehr hektisch los geht, der Puls nicht unter 170 liegt und ich die ersten Kilometer eher die Schnauze voll habe, bis ich einen Rhythmus gefunden habe. Hier kann man in Ruhe loslaufen, alles läuft relaxed ab, ich liebe die Langdistanz.
Nach 1,5 km kommt mir Jürgen Zäck entgegen, begleitet von einer Menschenmenge. Der Glückliche hat es gleich geschafft und wird wohl auch noch gewinnen. Thomas Hellriegel liegt vielleicht 100 Meter zurück. Diesen Vorsprung wird sich Zäck vermutlich nicht mehr nehmen lassen. Ein Läufer, mit dem ich mich kurz unterhalte, teilt meine Einschätzung.
An der Lände sehe ich dann Ute Mückel. Die sieht etwas verbissen aus, vermutlich weil sie noch 16 Kilometer vor sich hat.
Inzwischen geht mir meine Trinkflasche, die am Gürtel an meinem Rücken hin und her schwappt, dermaßen auf den Geist, dass ich beschließe, sie beim nächsten Rendezvous meinen Begleitern in die Hand zu drücken. Ich hatte das gar nicht so nervig in Erinnerung. Es gibt ja alle zwei Kilometer etwas zu trinken und mit meiner Cola/Wasser-Diät wird es schon hinhauen.
Doch an der Kanalbrücke steht nicht wie vereinbart mein Anhang. Ich sehe zwar eine Studienkollegin, die mich anfeuert. Sie will aber meinen Trinkgürtel nicht annehmen, weil sie nicht weiß, ob wir uns nochmal sehen. Also schleppe ich ihn weiter, über Haimpfarrich, wo die Stimmung sehr gut ist, bis Eckersmühlen. Dort sehe ich am Straßenrand endlich meine Mutter stehen. Sie hat den Fotoapparat im Anschlag und visiert und visiert und macht keine Anstalten, irgendwie auf mich einzugehen. Ich habe den dämlichen Trinkgürtel inzwischen abgeschnallt und halte ihn ihr entgegen. Als wir auf gleicher Höhe sind und sie immer noch fotografiert, maule ich sie ziemlich unfreundlich an, dass sie doch bitte den Gürtel nehmen solle, das wär mir im Moment wichtiger. Sie mault zurück, dass sie dann halt keine Fotos mehr machen würde. Aber zu guter Letzt gelangt das Stück doch noch in ihre Hände.
Aus dem Hintergrund taucht dann mein Vater auf, ein paar Meter weiter dann Kerstin. Manfred joggt dann eine Weile mit und ich berichte ihm, dass es mir blendend gehe, obwohl ich weiß, dass jetzt das härteste Stück vor mir liegt. Es geht bis zum Wendepunkt und zurück ohne Beistand und dient eigentlich nur dem Kilometerfressen. Wenn ich wieder an der gleichen Stelle bin, habe ich gerade mal etwas mehr als die Hälfte geschafft.
An der Kanalbrücke ist die Hölle los und irgendjemand ruft meinen Namen. Ich kenne die Leute nicht, vermute aber, dass die Brigitte von unten nach oben gewechselt ist.
Danach bringt mich die Hitze fast um. Das Stück auf Asphalt, zwischen Feldern und ohne Bäume ist wirklich mörderisch. Aber die nächste Verpflegungsstelle ist schon zu sehen, und danach gehts erst mal im Wald bergab, soweit ich mich erinnern kann.
Und da treffe ich Verena. Sie sieht wie gewohnt sehr locker aus. Wir rufen uns kurz etwas zu und ich rechne aus, wieviel Vorsprung sie wohl hat. Ich komme auf 20 bis 25 Minuten, und mir ist klar, dass es mit einem gemeinsamen Zieleinlauf wohl nichts wird.
Dann kommt das Stück am Kanal entlang mit der Verpflegungsstelle für die Eigenverpflegung, an der ich damals als Zuschauer bestimmt zwei Stunden verbrachte, um auf meinen Vereinskollegen zu warten. Dabei erlebte ich die Aufgabe eines Athleten, was ich abschreckend empfand und zugleich als Ansporn, sowas nie erleben zu wollen. Aber noch läuft es prima und der Wendepunkt ist nicht mehr weit, wie mich erinnere. Dort angekommen denke ich mir, dass das ja bis jetzt kein größeres Problem war.
Jetzt also das Ganze zurück. Allmählich werden die Gehpausen bei den Verpflegungsstellen doch ausgedehnter. Ich bemerke, dass der 6-Minuten-Schnitt immer schwerer einzuhalten ist. Und wenn ich ehrlich bin, ist es mir auch egal.
Auf der Kanalbrücke sind schon merklich weniger Zuschauer. Ich merke, wie sich an der rechten Fußsohle eine Blase breitmacht. In Eckersmühlen wartet aber wieder mein Anhang und es tut gut, ein wenig zu plaudern, besonders natürlich mit Kerstin. Bei ihr merke ich besonders, dass sie die ganze Atmosphäre beeindruckt und wie sie mit Begeisterung dabei ist. Aber auch mein Bruder hilft mir sehr, weil er weiß, wonach er fragen muss und weil er richtig mitfiebert. Vermutlich würde er viel lieber noch selbst mitlaufen.
Mittlerweile ist alles ein bisschen in Routine übergegangen. Nicht nur bei mir, auch bei den anderen Läufern habe ich das Gefühl. Spaßige Bemerkungen gibt es keine mehr, alle sind ruhig geworden. Das habe ich als Zuschauer auch schon so erlebt, auf der zweiten Hälfte der Laufstrecke bleiben an Geräuschen eigentlich nur noch die Zurufe der Helfer in Erinnerung: Wasser – Cola – Iso.
An der Kanalbrücke unten stehen wieder alle da und diesmal läuft Kerstin sogar mit. Das tut mir besonders gut. Wir unterhalten uns ein bisschen über Joey Kelly, Triathlon, das Wetter und ihre Eindrücke. Das alles lenkt mich ab und ich bin sehr froh, dass sie da ist, auch wenn es verboten ist.
Dann endlich die Lände, nochmal ein affenheißes Asphaltstück und dann ist das längste Teilstück des Tages geschafft. Aber vor mir liegt dasjenige, vor dem ich im Vorfeld am meisten Respekt hatte.
Aber es ist nicht so schlimm. Die Sonne brennt doch nicht so gnadenlos, es weht sogar ein kühlender Wind. Mit meiner 2-km-Stop-and-go-Taktik funktioniert es sowieso ganz gut. Nur dass die Verpflegungsstelle bei Kilometer 28 erst etwa einen halben Kilometer später steht. Ich tröste mich damit, dass dafür die nächste schon nach 1,5 Kilometern kommt.
Bei Kilometer 30 sitzt ein Gruppe, die zuerst meine Startnummer liest, anschließend in die Starterliste schaut und dann losbrüllt: “Lauf, Uli, lauf, Du siehst gut aus!” oder so ähnlich. Ich bedanke mich mit dem strahlendsten Lächeln, das mir noch möglich ist.
Kurz daruf kommt mir der Jochen entgegen und wir klatschen uns ab. Wann hat der mich eigentlich überholt?
Ich kann es kaum glauben, ich bin am Wendepunkt! Ab jetzt geht es heimwärts. Jetzt komme ich ins Ziel, wenn es sein muss auf allen Vieren. Aber danach sieht es im Moment noch lange nicht aus. Den Umständen entsprechend bin ich noch sehr locker. Wenn ich da an meinen ersten Marathon denke, wo ich nach 22 Kilometern schon mit meinem Latein am Ende war.
Bei Kilometer 35 treffe ich den Pit. Er sie nicht gut aus und hat die übliche Leidensmiene auf. Aber er ist ansprechbar und vor allem, er läuft. Er schaut ja immer schlecht aus, aber wenn man ihn kennt, dann macht er keinen schlechten Eindruck.
Kurz darauf taucht mein Bruder auf und läuft mit mir mit, nur unterbrochen von einer Verpflegungsstelle und einer psychisch bedingten Pinkelpause. Die Blase an meiner Fußsohle hat inzwischen größere Dimensionen angenommen und ab und zu fängt die Wade an zu krampfen. Jetzt nur keinen falschen Schritt machen.
Auf einmal steht am Wegesrand ein Kampfrichter. Ich denke mir: “Oh Gott, nur das nicht!” Er fängt mit meinem Bruder einen Disput an, während ich weiterlaufe. Aber nichts passiert, also gehe ich davon aus, dass der gute Mann ein Einsehen hat und nur meinen verbotenen Begleiter gestoppt hat (was mir dieser später auch bestätigt – “Entweder Sie oder der Athlet!”).
Kurz darauf will Kerstin wieder mit mir mitlaufen. Aber ich schicke sie weg, mit der Begründung der gerade erlebten Aktion. Außerdem muss sie sich ohnehin beeilen, wenn sie rechtzeitig am Ziel sein möchte.
Dann kommt die Lände – ich habe es geschafft! Hatte ich mir zumindest vorher immer wieder vorgestellt. Aber kein Gefühl der Erleichterung, auf meine Wade muss ich nach wie vor aufpassen und jeder Schritt fällt schwerer als leichter. Ich laufe durch die HansGrohe-Dusche, obwohl ich schon klatschnass bin. Mein Bauch ist ziemlich kalt, was schon seit einiger Zeit zu leichten Schmerzen in der Magengegend geführt hat.
Aber noch eine Verpflegungsstelle, Ulrich, das Du schaffst das! Kurz davor muntere ich einen Kollegen (aber eigentlich mich) auf, der am Straßenrand ein Päuschen macht. Der bedankt sich wenig später, indem er mich überholt und vor mir ins Ziel läuft.
Es folgt die letzte von 20 Verpflegungsstellen. Den Berg hinauf nach Roth gönne ich mir Gehen. Die Hauptstraße runter, leider sind kaum noch Zuschauer da. Und dann der Zieleinlauf, den ich mir so oft vorgestellt hatte. Alles geht so schnell und unspektakulär.
Kurz vor dem Stadion steht noch mein treuer Anhang und freut sich mit mir. Dann erregt ein letztes Mal meine Startnummer Aufmerksamkeit. Die Ränge sind voll besetzt und dementsprechend ist die Stimmung. Ich werfe ein paar Kusshändchen ins Publikum, wie ich es mir vorgenommen hatte, nehme die Mütze ab, damit man mein Gesicht sieht. Dann im Tiefflug die letzte Kurve, Arme hochreißen und das Lächeln nicht vergessen für das Finisher-Foto und das wars dann auch schon.

Im Ziel

Ein junges Mädchen hängt mir die Medaille um und brummelt etwas von Glückwunsch. Gleich danach gibt es einen Stand, an dem die Soforturkunde erstellt wird. Es stehen keine Leute an, also nutze ich den Service und bekomme Schwarz auf Weiß, dass der Tag heute super gelaufen ist.
Im Festzelt suche ich dann das so hochgepriesene Buffet. Aber eigentlich habe ich keinen Hunger und auch keinen Durst, weil ich die letzten viereinhalb Stunden ja fast nichts anderes getan habe als zu essen und zu trinken. So nehme ich ein alkoholfreies Bier und eine Wurstsemmel mit. Das Bier hatte ich mir eingebildet, aber nach zwei Schlucken finde ich es nur noch widerlich.
Also gehe ich erst mal nach draußen und versuche meine Lieben zu treffen. Da stehen dann auch schon Verena und ihre Eltern. Verena hat einen sensationellen Wettkampf hingelegt und mir beim Marathon 20 Minuten abgenommen. Alle beglückwünschen und bedauern mich anschließend, als ich die Schuhe ausziehe und ein blutroter Socken zum Vorschein kommt. Ist aber alles halb so schlimm. Schließlich bin ich jetzt ein Ironman und der kennt keinen Schmerz.

Hier noch die Kurzfassung:

Wassertemperatur: 21°
Lufttemperatur: 14 – 26°, sehr windig
Schwimmzeit: 1:10 (=1:50 Min/100 m)
Wechsel 1: 0:04:10
Radzeit: 5:37:30 (= 32,0 km/h)
Wechsel 2: 0:04:15
Laufzeit: 4:37:00 (= 6:34 Min/km)
Gesamtzeit: 11:32:55